Claudio Hils | Visuelle Kommunikation

Dokumentation der Uraufführung „Die Gesänge des Maldoror“ interpretiert von Carl Oesterhelt und Joachim Irmler

Die Gesänge des Maldoror / Les chants de Maldoror ist eine der geheimnissvollsten und radikalsten Texte der modernen europäischen Literatur – ein apokalyptischer Texts in sechs Gesängen. Der erste Gesang erschien 1868 anonym, das Gesamtwerk 1874, unter dem Pseudonym Lautréamont – vier Jahre nach dessen Tod.

Maldoror, die Titel-Figur, ist die Verkörperung des Bösen schlechthin, ein nihilistischer Todesengel, der in erschiedenen Masken und Formen gegen die Menschen und gegen Gott kämpft. Sein Name ist ein Anagramm für den Begriff „Sonne des Bösen“ – Aurore du Mal = Maldoror.
In den Gesängen ist er ein Sadist, Erotomane und Mörder ohne Motiv.

Genauso geheimnisvoll wie die Gesänge war lange Zeit auch deren Verfasser, der Comte de Lautréamont. Heute wissen wir, dass sich dahinter Isidore Lucien Ducasse verbarg, der Sohn eines französischen Diplomaten. Ducasse wurde 1846 in Montevideo/Uruguay geboren, wo sein Vater Konsul war, und starb 1870 in Paris während des Deutsch-Französischen Krieges.

Sein Pseudonym ,Lautréamont‘ hat er aus einem populären Schauer-Roman von 1837 gewählt. Seine ,Gesänge des Maldoror‘ waren sicherlich beeinflußt von der Lektüre Edgar Allan Poes – aber auch von seinen traumatischen Kindheitserfahrungen der grausamen Belagerung Montevideos während eines uruguayisch-argentinischen Krieges.

Die Gesänge des Maldoror überlebten nur durch Zufall. 1917 entdeckte einer der surrealistischen Schriftsteller den vergessenen Text in einer Pariser Buchhandlung und veröffentlichte ihn erneut. Lautréamont wurde zu einem Säulenheiligen des Surrealismus und hat Künstler wie Dali, Max Ernst und Modigliani inspiriert. Auch Existenzialisten wie Albert Camus beriefen sich auf ihn. Und manche sehen den Geist der ,Gesänge‘ auch in Filmen wie ,Clockwork Orange‘ verkörpert oder in Romanen wie ,American Psycho‘ von Bret Easton Ellis aus den 1980er Jahren.

Was kaum bekannt ist: Lautréamont hat neben den Gesängen des Maldoror auch ,Gesänge des Guten‘ geplant – veröffentlicht hat er aber davon nur ein Vorwort. Der Schöpfer der ,Chants de Maldoror‘ ist offensichtlich zu früh gestorben.

Manfred Heinfeldner
(Popculture Jockey)

weitere Informationen:
Artikel in KONTEXT:Wochenzeitung

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